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Neue PwC-Studie zu digitalen Identitäten: Warum jetzt die entscheidende Phase beginnt

Die neue PwC-Studie liefert keine reine Bestandsaufnahme, sondern ein klares Zukunftsbild. Digitale Identitäten werden weltweit zur zentralen Infrastruktur für sichere digitale Interaktionen.
Lesezeit: 4 Minuten
Inhaltsindex

Kurz erklärt

Digitale Identitäten sind weltweit auf dem Vormarsch, aber längst nicht überall gleich weit entwickelt. Die neue PwC-Studie zeigt: Während Länder wie Finnland, Norwegen, Dänemark oder Estland digitale Identitäten bereits tief im Alltag verankert haben, bleibt die Nutzung in anderen Märkten deutlich hinter dem Potenzial zurück. Gleichzeitig wächst der Druck zur Umsetzung interoperabler, sicherer und nutzerfreundlicher Lösungen – nicht zuletzt durch den europäischen Rechtsrahmen rund um eIDAS 2.0 und die EUDI Wallet.

Für Unternehmen, Finanzdienstleister, Behörden und Plattformbetreiber ist das mehr als ein Digitalisierungsthema. Es geht um die Frage, wie sich Vertrauen, Sicherheit und Nutzerfreundlichkeit künftig in digitale Prozesse übersetzen lassen. Die neue PwC-Studie macht deutlich: Der Wettbewerb um die beste digitale Identität hat längst begonnen.

Zwischen Aufbruch und Realität: Die digitale Identität wird zur Schlüssel-Infrastruktur

Digitale Identität war lange ein Zukunftsthema. Jetzt entwickelt sie sich weltweit zur grundlegenden Infrastruktur für digitale Verwaltung, Finanzdienstleistungen, Gesundheitsangebote, Mobilität und Vertragsprozesse.

Genau hier setzt die neue PwC-Studie an. Sie vergleicht 42 Länder und zeigt, wie unterschiedlich nationale eID-Systeme aufgebaut sind, wie stark sie genutzt werden und welche Faktoren über ihren Erfolg entscheiden. Das Bild ist eindeutig: Nicht die reine Verfügbarkeit eines Systems macht den Unterschied, sondern sein Platz im Alltag der Menschen.

Wo digitale Identitäten regelmäßig für Banking, Behördengänge, Signaturen oder den Zugriff auf zentrale Services genutzt werden, entstehen Akzeptanz und Gewohnheit. Wo dagegen relevante Anwendungsfälle fehlen, bleibt auch technologisch ausgereifte Infrastruktur oft hinter den Erwartungen zurück.

Die neue PwC-Studie: Was sie zeigt

Die Untersuchung zeichnet ein bemerkenswert differenziertes Bild des internationalen Marktes. Im Durchschnitt nutzen rund zwei Drittel der Bevölkerung in den betrachteten Ländern ihre nationale digitale Identitätslösung aktiv. Gleichzeitig ist die Spannweite enorm: Sie reicht von sehr niedrigen Nutzungsquoten bis hin zu Ländern, in denen digitale Identitäten von weit über 90 Prozent der Bevölkerung verwendet werden.

Auffällig ist außerdem, dass digitale Identitäten heute deutlich mehr leisten als reine Authentifizierung. In vielen Staaten umfassen sie bereits elektronische Signaturen, digitale Nachweise und den Zugang zu einer großen Zahl digitaler Dienste. Damit verschiebt sich die Rolle der eID: weg vom isolierten Identitätsmerkmal, hin zum Zugangsschlüssel für vollständige digitale Journeys.

Für die weitere Entwicklung ist das ein zentrales Signal. Digitale Identitäten werden nicht mehr nur als staatliches Verwaltungsinstrument betrachtet, sondern als verbindendes Element zwischen öffentlichem Sektor, regulierten Branchen und privatwirtschaftlichen Anwendungen.

Wer vorn liegt – und warum

Besonders weit sind laut Studie die nordischen Länder. In Finnland, Norwegen, Dänemark und Schweden ist die digitale Identität eng mit alltäglichen Prozessen verknüpft. Gerade diese enge Verzahnung mit häufig genutzten Services macht den Unterschied. Wer seine digitale Identität regelmäßig beim Online-Banking, bei Versicherungen, im Gesundheitswesen oder für Behördenleistungen verwendet, entwickelt Vertrauen durch Nutzung.

Auch Estland bleibt ein Referenzmarkt, weil digitale Identität dort seit Jahren als tragende Säule eines umfassenden digitalen Ökosystems funktioniert. Interessant ist dabei: Erfolgreiche Modelle müssen nicht zwingend rein staatlich organisiert sein. In mehreren Ländern zeigen öffentlich anerkannte, privatwirtschaftlich geprägte oder partnerschaftliche Modelle, dass hohe Reichweite, Nutzerkomfort und regulatorische Verlässlichkeit zusammenwirken können.

Gleichzeitig macht die Studie deutlich, dass Erfolg nicht ausschließlich von der allgemeinen digitalen Reife eines Landes abhängt. Auch Länder außerhalb der klassischen europäischen Vorreitergruppen erzielen hohe Nutzungsraten, wenn Services konsequent integriert und die Lösungen für Bürgerinnen und Bürger unmittelbar relevant gemacht werden.

Deutschland im internationalen Vergleich: Potenzial vorhanden, Nutzung ausbaufähig

Besonders spannend ist der Blick auf Deutschland. Das Interesse an sicheren digitalen Identitäten und Wallet-Modellen wächst, doch die tatsächliche Nutzung bleibt im internationalen Vergleich zurück. Die Diskrepanz zwischen technischer Möglichkeit und gelebter Anwendung ist damit eines der zentralen Themen.

Der Grund dafür liegt nicht zwingend in mangelnder Akzeptanz gegenüber digitalen Identitäten an sich. Vielmehr zeigt sich ein bekanntes Muster: Wenn alltägliche, einfache und spürbar nützliche Einsatzszenarien fehlen, bleibt auch die Nutzung hinter dem Potenzial zurück. Für den Markt heißt das: Die nächste Entwicklungsstufe wird nicht durch abstrakte Technologieversprechen entschieden, sondern durch konkrete Mehrwerte im Alltag.

Gerade für regulierte Prozesse wie Identifizierung, Vertragsabschluss, Signatur und Nachweisprüfung liegt hier ein enormes Entwicklungspotenzial. Denn überall dort, wo Vertrauen rechtswirksam, digital und medienbruchfrei hergestellt werden muss, steigt der Bedarf an belastbaren Identitäts- und Vertrauenslösungen.

Vier Erfolgsfaktoren für digitale Identitäten

Die PwC-Studie arbeitet vier Faktoren heraus, die starke eID-Ökosysteme auszeichnen.

Erstens braucht es klare Governance. Zuständigkeiten, Aufsicht, Haftung und regulatorische Rollen müssen eindeutig geregelt sein. Nur dann entstehen belastbare Strukturen, auf die sich Staat, Wirtschaft und Nutzer verlassen können.

Zweitens ist die technische Architektur entscheidend. Erfolgreiche Systeme sind interoperabel, skalierbar und so aufgebaut, dass sie sich in unterschiedliche Services integrieren lassen. Besonders relevant ist dabei die Fähigkeit, bestehende Infrastrukturen weiterzuentwickeln, statt Parallelwelten zu schaffen.

Drittens bleibt Vertrauen der zentrale Hebel. Sicherheit, Datenschutz, Transparenz und nachvollziehbare Datenverwendung sind keine Ergänzung, sondern Voraussetzung für breite Akzeptanz. Digitale Identität ist deshalb immer auch Vertrauensarchitektur.

Viertens entscheidet der Nutzwert. Systeme setzen sich dann durch, wenn sie in hochfrequenten, vertrauten Prozessen eingebettet sind. Identitätsprüfung allein reicht nicht aus. Erst wenn aus der eID ein praktisches Werkzeug für Alltag, Verwaltung, Wirtschaft und Vertragsprozesse wird, steigt auch die tatsächliche Nutzung.

Warum die EUDI Wallet jetzt zusätzliche Dynamik schafft

Mit eIDAS 2.0 und der EUDI Wallet kommt eine neue europäische Dynamik hinzu. Die Wallet ist weit mehr als eine technische Erweiterung bestehender Identitätsmodelle. Sie steht für ein neues Verständnis digitaler Nachweise: interoperabel, selektiv teilbar, sicher und grenzüberschreitend nutzbar.

Dadurch verschiebt sich auch der Fokus für Unternehmen und Institutionen. Es geht künftig nicht nur darum, ob digitale Identität angeboten wird, sondern wie reibungslos sie sich in Prozesse einfügt. Wer Onboarding, Authentifizierung, Signatur und Nachweise intelligent zusammendenkt, kann Medienbrüche reduzieren und Nutzererlebnisse deutlich verbessern.

Das betrifft nicht nur Behörden oder Banken. Auch Versicherungen, Telekommunikation, Gesundheitswesen, HR-Prozesse, Immobilienwirtschaft und Plattformmodelle werden von interoperablen Identitätslösungen profitieren. Die Wallet wird damit zum strategischen Baustein einer vertrauenswürdigen digitalen Wirtschaft.

Was Unternehmen und Organisationen jetzt mitnehmen sollten

Die PwC-Studie zeigt vor allem eines: Digitale Identität entfaltet ihren Wert nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel mit konkreten Anwendungen. Der Markt bewegt sich weg von Einzelanwendungen hin zu integrierten Vertrauens- und Identitätsprozessen.

Für Organisationen bedeutet das, jetzt die richtigen Weichen zu stellen. Wer Identifizierung, elektronische Signatur, Nachweise und sichere Authentifizierung nur als technische Pflichtaufgabe betrachtet, verschenkt Potenzial. Wer sie dagegen als Bestandteil digitaler Kundenerlebnisse und effizienter Prozessketten versteht, kann daraus einen echten Wettbewerbsvorteil entwickeln.

Im Zentrum stehen dabei drei Fragen: Welche Prozesse sollten künftig vollständig digital und vertrauenswürdig ablaufen? Wo entstehen heute noch unnötige Hürden im Onboarding oder bei Transaktionen? Und wie lassen sich Identität, Sicherheit und Nutzerfreundlichkeit so verbinden, dass daraus echte Akzeptanz entsteht?

Fazit: Die Zukunft digitaler Identitäten entscheidet sich im Alltag

Die neue PwC-Studie liefert keine reine Bestandsaufnahme, sondern ein klares Zukunftsbild. Digitale Identitäten werden weltweit zur zentralen Infrastruktur für sichere digitale Interaktionen. Der Unterschied zwischen Vorreitern und Nachzüglern liegt dabei nicht allein in der Technologie, sondern in der Fähigkeit, Vertrauen, Relevanz und Integration zusammenzubringen.

Für Europa und besonders für Deutschland ist das ein entscheidender Moment. Mit der EUDI Wallet, neuen regulatorischen Impulsen und einer wachsenden Nachfrage nach sicheren digitalen Prozessen ist der Rahmen gesetzt. Jetzt kommt es darauf an, aus technischen Möglichkeiten echte Nutzung zu machen.

Die Gewinner werden jene sein, die digitale Identität nicht als isolierte Funktion verstehen, sondern als Grundlage für einfache, sichere und rechtsgültige digitale Prozesse.

Grundlage für den Artikel: PwC-Studie „Digital Identities Across the World“

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