Kurz erklärt
Österreich hat mit ID Austria eine der zentralen digitalen Identitäten im europäischen Vergleich etabliert: Millionen Menschen nutzen sie für sichere Logins, digitale Behördenwege und als Grundlage für qualifizierte elektronische Signaturen. Gleichzeitig zeigt sich eine wachsende Schwachstelle im Alltag: Für Nicht-Österreicherinnen und Nicht-Österreicher ist die Verlängerung häufig nicht online möglich und hängt vielerorts an persönlichen Terminen – teils mit monatelangen Wartezeiten. Genau hier wird sichtbar, warum der europäische Ansatz rund um die EU Digital Identity Wallet (EUDI Wallet) an Relevanz gewinnt: Digitale Identität soll nicht nur sicher, sondern skalierbar, inklusiv und grenzüberschreitend nutzbar sein.
Wenn „digital“ plötzlich wieder nach Warteschlange klingt
Digitale Identität soll den Moment abschaffen, in dem man zwischen Türrahmen und Amtsschalter merkt: Ohne dieses eine Dokument geht heute gar nichts. Genau deshalb wirkt es wie ein Anachronismus, wenn ein hochdigitales System im entscheidenden Augenblick in die analoge Realität kippt – mit Terminbuchung, Vorlauf, Schalterzeiten und dem Gefühl, wieder im „alten Wien“ zu stehen.
Die Situation rund um ID Austria zeigt diese Spannung besonders deutlich. Auf der einen Seite steht eine beeindruckende Verbreitung: 4,8 Millionen Nutzerinnen und Nutzer, dazu 900.000 Neuanmeldungen im Zuge einer großen Registrierungstour. Auf der anderen Seite häufen sich Berichte, dass sich Digitalisierung für bestimmte Gruppen nicht „leicht“, sondern zäh und unpraktikabel anfühlt – insbesondere für Menschen ohne österreichische Staatsbürgerschaft.
ID Austria als Rückgrat des digitalen Österreich
ID Austria ist in Österreich faktisch zu einem Generalschlüssel geworden. Wer sie besitzt, kann viele digitale Prozesse schnell und sicher erledigen – vom Behördenlogin bis hin zu Anwendungsfällen, in denen ein hohes Vertrauensniveau und rechtlich belastbare elektronische Verfahren erwartet werden.
Genau diese Rolle als Standardzugang ist jedoch auch die Ursache dafür, dass Probleme beim Zugang oder bei der Verlängerung nicht nur „lästig“ sind, sondern spürbare Auswirkungen haben: Wenn immer mehr Leistungen die digitale Identität voraussetzen, wird jede Hürde davor automatisch zu einer Hürde im Alltag – für Privatpersonen ebenso wie für Unternehmen und Verwaltungen.
Die Zugangslücke für Nicht-Österreicher: Termin, Zuständigkeit, Stillstand
Ein zentraler Punkt: Bei ausländischen Staatsangehörigen kann die digitale Identität nicht online verlängert werden. Die Gültigkeit unterscheidet sich zudem: Mit Hauptwohnsitz in Österreich gilt ID Austria fünf Jahre, ohne Hauptwohnsitz drei Jahre.
In der Praxis kann das bedeuten: Man erhält zwar frühzeitig eine Erinnerung vor Ablauf, findet aber den nächsten verfügbaren Termin erst Monate später. Das Ergebnis ist nicht nur Frust, sondern im Zweifel eine echte digitale Sperre: Wer seine Identität nicht rechtzeitig verlängern kann, ist zeitweise von digitalen Amtswegen ausgeschlossen – genau in dem Zeitraum, in dem man oft erst merkt, wie häufig man die ID Austria tatsächlich benötigt.
Hinzu kommt eine strukturelle Komponente: Während österreichische Staatsbürgerinnen und -staatsbürger ihre ID Austria inzwischen bei vielen Gemeinden oder Passbehörden aktivieren können, ist der Kreis der zuständigen Stellen für Nicht-Österreicherinnen und Nicht-Österreicher deutlich enger. Auch die öffentlich beworbene „Servicestelle“ zur Unterstützung bei der Registrierung ist für Ausländer nicht zuständig, weil hier unterschiedliche Zuständigkeiten greifen. Für Nicht-Österreicherinnen und -Österreicher liegt die Registrierung in der Kompetenz des Innenministeriums – praktisch läuft es häufig über Landespolizeidirektionen, teils zusätzlich über bestimmte Finanzämter.
Die Folge ist ein System, das zwar digital gedacht ist, aber beim Onboarding und bei der Verlängerung für bestimmte Gruppen nicht digital skaliert.
Regionale Realität: Von „vorbildlich“ bis „prekär“
Besonders auffällig ist die Uneinheitlichkeit. Während es Regionen gibt, in denen Termine rasch verfügbar sind (teils innerhalb einer Woche oder sogar sofort), melden andere Bereiche „keine Termine“ oder sind über Monate ausgebucht. In Wien wird die Lage als besonders angespannt beschrieben – mit sehr wenigen freien Slots über viele Stellen hinweg.
Für die digitale Transformation ist diese Uneinheitlichkeit mehr als ein Komfortproblem: Sie erzeugt eine Zwei-Geschwindigkeiten-Realität. Dort, wo die Behörde Kapazitäten hat, funktioniert die digitale Identität wie versprochen. Dort, wo die Nachfrage steigt und Prozesse analog gebremst werden, entsteht ein Rückfall in Warteschlange und Papierlogik.
„Termin nicht zwingend nötig“ – aber die Skalierungsfrage bleibt
Formal ist ein Termin nicht überall zwingend erforderlich: Man kann teils auch ohne Termin während der Parteienverkehrszeiten erscheinen – dann allerdings mit Wartezeiten vor Ort. Das mag als Ausweichmöglichkeit dienen, ist aber genau der Punkt, an dem sich die strategische Frage stellt:
Wenn digitale Identität zum Standard wird, muss der Zugang dazu planbar sein – und zwar nicht nur für eine Mehrheit, sondern für alle relevanten Nutzergruppen, insbesondere für mobile Menschen: EU-Bürgerinnen und EU-Bürger, die grenzüberschreitend arbeiten, internationale Studierende sowie Drittstaatsangehörige mit rechtmäßigem Aufenthalt.
Ein System, das im Kern digital ist, aber bei steigender Nutzung auf physische Schalterkapazitäten angewiesen bleibt, stößt ab einem gewissen Punkt an eine natürliche Wachstumsgrenze.
Nebenschauplatz mit Signalwirkung: Passwort-Sackgassen und „Mein Postkorb“
Auch für österreichische Staatsbürgerinnen und -bürger treten Reibungen auf – und sie sind lehrreich, weil sie zeigen, wie schnell ein digitaler Prozess unbeabsichtigt zur Sackgasse werden kann.
Ein Beispiel ist die Kennwort-Wiederherstellung via Einmalpasswort, das per RSa-Brief zugestellt wird. Wer gleichzeitig „Mein Postkorb“ aktiviert hat (digitale statt physische Zustellung), kann in eine paradoxe Situation geraten: Der Brief kommt digital – doch um ihn zu öffnen, muss man sich einloggen, was ohne Kennwort nicht geht. Es gibt zwar einen Weg, dennoch an das Einmalpasswort zu gelangen (über eine bestimmte Funktion innerhalb von „Mein Postkorb“), doch dieser ist offenbar vielen nicht bekannt. In der Praxis führt das zu Widerrufen, Neuanträgen und „Reparaturen“, die pro Person Zeit in Behörden binden.
Für Vertrauensdienste und digitale Identitäten ist das eine wichtige Erkenntnis: Sicherheit ist unverzichtbar – aber sie muss mit Nutzbarkeit, Recovery-Prozessen und Transparenz zusammengedacht werden. Sonst steigt der Aufwand genau dort, wo Digitalisierung eigentlich entlasten soll.
eIDAS 2.0 und EUDI Wallet: Warum Österreichs Situation ein EU-Lehrbeispiel ist
Genau an dieser Schnittstelle wird der europäische Kurs interessant. Der Ansatz der EU Digital Identity Wallet (EUDI Wallet) zielt darauf ab, digitale Identitäten und Nachweise in der EU interoperabel und verlässlich nutzbar zu machen – mit konsistenten Vertrauensniveaus über Ländergrenzen hinweg.
Österreich hat bereits eine starke Basis: ID Austria ist verbreitet, im Alltag verankert und technisch etabliert. Doch die aktuellen Engpässe zeigen, worauf es in der nächsten Phase ankommt: Nicht nur „EU-weite Anerkennung“ ist strategisch wertvoll, sondern auch Inklusion im Inland. Eine wallet-basierte Ausrichtung kann dabei helfen,
- Onboarding und Verlängerung zu standardisieren (auch für Nicht-Österreicherinnen und Nicht-Österreicher),
- unnötige Face-to-Face-Abhängigkeiten abzubauen,
- digitale Behördendienste wirklich skalierbar zu machen,
- und die Realität eines Arbeitsmarkts abzubilden, der auf grenzüberschreitende Mobilität angewiesen ist.
Was jetzt zählt: Vertrauen, Skalierung, Nutzererlebnis
Für die nächste Ausbaustufe digitaler Identität in Österreich lassen sich drei Prioritäten ableiten:
1) Zugang ohne BrücheDigitale Identität darf im entscheidenden Moment nicht an Zuständigkeiten, Terminslots oder regionalen Kapazitäten scheitern. Wenn Verlängerung und Onboarding nicht konsistent funktionieren, leidet das Vertrauen in das Gesamtsystem.
2) Recovery-Prozesse, die wirklich funktionierenSicherheitsmechanismen müssen so gestaltet sein, dass Nutzerinnen und Nutzer nicht in eine digitale Selbstblockade geraten. Sonst steigt der Support- und Behördenaufwand – und die Akzeptanz sinkt.
3) Interoperabilität als strategische Pflicht, nicht als KürJe stärker Identität und Nachweise in digitalen Prozessen verankert sind, desto wichtiger wird die Fähigkeit, EU-weit und über Anbieter- und Systemgrenzen hinweg sauber zu funktionieren. Das betrifft öffentliche Services ebenso wie private Anwendungsfälle – inklusive rechtlich belastbarer elektronischer Signaturen.
Fazit: Österreich ist weit – aber nicht für alle gleich weit
Österreich steht beim Thema digitale Identität nicht am Anfang, sondern mitten in der Skalierungsphase. ID Austria ist ein starker Eckpfeiler – gerade deshalb sind die aktuellen Engpässe so sichtbar. Die Warteschlange ist dabei weniger ein organisatorisches Detail als ein Hinweis auf eine Grundfrage: Wer kann digitale Identität wirklich jederzeit nutzen – und wer nicht?
Die eIDAS-Weiterentwicklung und der EUDI-Wallet-Ansatz liefern einen Rahmen, um diese Lücke zu schließen: mit interoperablen Identitäten, konsistenten Vertrauensniveaus und Prozessen, die auch dann funktionieren, wenn Mobilität zur Normalität gehört. Für Österreich ist das nicht nur ein EU-Projekt, sondern eine Chance, digitale Verwaltung und digitale Wirtschaft für alle Nutzergruppen wirklich verlässlich zu machen.







